Als Nossen zum Eisenbahnknoten wurde
Wer heute den Bahnhof Nossen betrachtet, kann nur noch erahnen, welche Bedeutung dieser Ort einst für die Stadt und Region hatte. Über viele Jahrzehnte war Nossen einer der wichtigsten Eisenbahnknoten des Freistaates. Züge aus Leipzig, Dresden, Riesa, Freiberg, dem Erzgebirge und sogar aus Böhmen trafen hier zusammen. Die Eisenbahn prägte nicht nur das Stadtbild, sondern auch das Leben vieler Familien und die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Region.
Der Beginn dieser Entwicklung liegt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Am 25. Oktober 1868 wurde die Bahnstrecke von Döbeln nach Nossen eröffnet, wenige Wochen später folgte die Verbindung nach Meißen. Damit war Nossen Teil der wichtigen Bahnlinie zwischen Leipzig und Dresden geworden.
Schon bald kamen weitere Strecken hinzu. 1873 wurde die sogenannte Zellwaldbahn nach Freiberg eröffnet. Sie war ursprünglich als Teil einer internationalen Verbindung über das Erzgebirge bis nach Böhmen geplant. Mit dem Anschluss der Strecke nach Riesa im Jahr 1880 entwickelte sich Nossen endgültig zu einem bedeutenden Eisenbahnknotenpunkt. Später erreichte sogar die Schmalspurbahn aus dem Wilsdruffer Land den Bahnhof.
Die Auswirkungen auf die Stadt waren enorm. Der Bahnhof wurde mehrfach erweitert und verfügte zeitweise über neun Haupt- und fünfzehn Nebengleise, vier Bahnsteige, Güterschuppen, Laderampen und umfangreiche Lokanlagen. Anfang des 20. Jahrhunderts erreichte das Bahngelände seine größte Ausdehnung. Nossen wurde zu einem Verkehrszentrum, über das Waren, Rohstoffe und Reisende in alle Richtungen transportiert wurden.
Besonders groß war die Bedeutung der Eisenbahn als Arbeitgeber. Mit dem Ausbau des Bahnknotens entstanden zahlreiche Arbeitsplätze bei der Bahn und in den angeschlossenen Werkstätten. Viele Nossener Familien waren über Generationen hinweg mit der Eisenbahn verbunden. Entlang der Döbelner und der Waldheimer Straße entstanden Wohnhäuser für Eisenbahner und ihre Familien. Die Bahn prägte damit nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt, sondern auch ihren Alltag und ihr gesellschaftliches Leben.
Parallel zum Wachstum des Bahnhofs entwickelten sich die Anlagen zur Wartung und Versorgung der Lokomotiven. Bereits im 19. Jahrhundert entstanden Lokschuppen, Bekohlungsanlagen und Werkstätten. Aus diesen Einrichtungen ging später das Bahnbetriebswerk Nossen hervor, das sich zu einer bedeutenden Dienststelle im mittelsächsischen Eisenbahnnetz entwickelte. Hier wurden Dampflokomotiven für ihre Einsätze vorbereitet, gewartet und repariert. Über Jahrzehnte gehörten das Pfeifen der Lokomotiven, das Zischen des Dampfes und die Rauchfahnen über den Gleisanlagen zum vertrauten Bild der Stadt. Noch heute erinnern die erhaltenen Anlagen des ehemaligen Bahnbetriebswerks an diese Epoche.
Wie vielerorts änderte sich die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg schrittweise. Der erste tiefe Einschnitt erfolgte direkt nach Kriegsende mit der Demontage des 2. Gleises auf der Hauptstrecke Coswig-Borsdorf, was den Charakter dieser Verbindung als zweite Dresden-Leipzig-Trasse deutlich schmälerte. Mit dem Ausbau des Straßenverkehrs verlor die Eisenbahn aber auch grundsätzlich an Bedeutung. In den 1970er Jahren wurden erste Strecken stillgelegt, zuerst die Schmalspurbahn nach Wilsdruff. Es folgten die Einstellung des Personenverkehrs auf der Zellwaldbahn 1977 und später weitere Streckenverluste. Der letzte reguläre Reisezug verließ den Bahnhof Nossen im Dezember 2015.
Dennoch ist die Eisenbahngeschichte in Nossen bis heute lebendig geblieben. Die Interessengemeinschaft Dampflok Nossen bewahrt im ehemaligen Bahnbetriebswerk historische Fahrzeuge und erinnert an die große Eisenbahntradition der Stadt. Auch die Zellwaldbahn und verschiedene Vereine setzen sich dafür ein, dieses technische und kulturelle Erbe zu erhalten.

